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Das Problem sind nicht die Azubis – es sind die Erwartungen

March 24, 2026 by
OdooBot

Wenn es holprig läuft – woran liegt es wirklich?

Ein Betrieb stellt einen Azubi aus Indien ein. Erste Woche: Missverständnisse bei einer Aufgabe. Zweite Woche: Der Azubi fragt zu wenig – oder zu viel, je nach Perspektive. Dritte Woche: Der Inhaber zweifelt, ob das eine gute Entscheidung war.

Die häufige Schlussfolgerung: Der Azubi passt nicht. Die seltenere, richtigere Schlussfolgerung: Der Betrieb hat erwartet, dass es genauso läuft wie mit einem deutschen Bewerber. Es läuft nicht genauso. Das ist keine Aussage über Eignung – das ist eine Aussage über den Kontext.

Was sich in den ersten Wochen unterscheidet

Ein Azubi aus Deutschland kennt – bewusst oder unbewusst – die Spielregeln. Er weiß, was „pünktlich" bedeutet, wie man Fragen stellt, was Schweigen in einer Besprechung bedeutet, wie direkte Kritik einzuordnen ist. Er hat das nie gelernt – er hat es geatmet.

Ein Azubi aus einem anderen Land hat das nicht geatmet. Er muss es lernen. Das dauert – nicht sechs Monate, nicht ein Jahr – aber es dauert länger als der erste Tag.

Wichtig: Der Unterschied zwischen einem erfolgreichen und einem gescheiterten internationalen Ausbildungsverhältnis liegt in den wenigsten Fällen im Azubi. Er liegt darin, was der Betrieb in den ersten vier bis sechs Wochen tut oder nicht tut.

Was in den ersten Wochen konkret anders sein muss

Mehr Begleitung. Nicht permanent – aber aktiv. Jemand, der kulturelle Signale übersetzen kann: Warum widerspricht er nicht, obwohl er offensichtlich nicht verstanden hat? Weil in manchen Kulturen Widerspruch gegenüber einem Vorgesetzten nicht üblich ist. Das zu verstehen kostet nichts – aber es verhindert Eskalationen.

Ein anderes Einführungsgespräch. Nicht die Standard-Betriebsführung, sondern eine Unterhaltung, die Erwartungen auf beiden Seiten benennt. Was erwartet der Betrieb? Was erwartet der Azubi? Wo könnten Missverständnisse entstehen?

Vier bis sechs Wochen Anfangsinvestition. Danach ist der Azubi – in der überwiegenden Mehrheit der Fälle – wie jeder andere auch.

Was nach dieser Phase folgt

Betriebe, die diesen initialen Mehraufwand bewusst einplanen, berichten von auffallend langen Verweildauern. Viele internationale Azubis bleiben nach dem Gesellenbrief im Betrieb – fünf Jahre, sieben Jahre, manchmal länger. Die Alternative – erneute Suche, neues Auswahlverfahren, neuer Anlauf – kostet mehr Zeit, als die ersten sechs Wochen Begleitung gekostet hätten.

Die Entscheidung liegt nicht beim Azubi. Sie liegt beim Betrieb. Weitere Informationen unter /azubi-handwerk, /azubi-industrie und /azubi-krankenhaus.

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